ausstellungsraum Die Macht der Diagnose
  ausstellungsraum.at

__angebot freiraum
__programm | freiraum
__ausstattung | freiraum
__konditionen | freiraum
__kalender | freiraum

aktuell
211004 | bruno rey

vorschau
211104 | papp andras
211119 | k. & a. svejkovsky
__________

archiv

ausstellungsraum | sucht

ueber den ausstellungsraum.at
1060 | gumpendorfer straße 23


c | update
__die macht der diagnose
 
 
Die Macht der Diagnose
__aus Marianne Gronemeyer, Die Macht der Bedürfnisse, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2002 __>> download
< 1 / 5 >    
Penetranter und zugleich verschwiegener, unkenntlicher als die Besitzmacht ist die diagnostische Macht. Sie entsteht aus dem Normalitätsmonopol. Wer sich das Recht anmaßt, wem es aber auch zugestanden wird, zu dekretieren, was als normal gelten soll, der verfügt über diagnostische Macht. Es ist leicht zu sehen, dass diese Macht vor keiner Erscheinungsform oder Äußerung des Lebens Halt machen muss. Die Frage, was als normal, was als tolerabel und was als unduldbare Abweichung, als krankhafte Ausdrucksform des Menschseins zu gelten hat, ist beliebig wiederholbar und in prinzipiell jedem Lebensbereich zur Entscheidung zu treiben.

Wer darf sich gesund fühlen? Welchen Spielraum hat die Vernunft, ehe sie in Irrationalität abgleitet? Welche Empfindungen darf sich jemand leisten, ohne auffällig zu werden? Welche Sprache darf man sprechen, ohne ungebildet zu erscheinen? Welches Wissen ist tauglich, um dem Verdikt der Dummheit zu entgehen? Wo sind die Grenzen des guten Geschmacks? Wie viel Unordnung gilt der Ordnung als erträglich? Wie viel Leid darf ein lebenswert genanntes Leben aushalten und ausleben? Was ist Lüge, was ist Wahrheit? Was ist gut,was ist schlecht? Was ist Recht, was ist Unrecht? Wer ist begehrenswert schön, wer abstoßend hässlich? Wer ist normal und wer verrückt, wer mit seiner Seele in Einklang und wer in pathologischer Disharmonie? Welches Verhalten ist originell und welches gestört? Mit der Antwort auf diese Fragen wird über Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit entschieden. Die Legitimationsquelle, aus der diese Macht schöpft, ist das Expertentum. Expertentum macht den, der es nachweist, in den jeweiligen Normalitätsfragen zuständig und urteilsfähig. Die Legitimationsbasis der diagnostischen Macht ist ersichtlich viel solider und zwingender als die windige Verführungskunst, mit der die Besitzmacht sich Popularität verschafft.